Vortrag: Autismus-Spektrum-Störung

„Ich nehme wahr, was du nicht siehst“ 

Im Vortrag zu Autismus wurde ich unter anderem nochmal daran erinnert, dass es nicht DEN einen Autismus gibt, sondern viele Varianten und Merkmale. 

Einen ersten Kontakt mit dieser Störung hatte ich im Englischunterricht der zehnten Klasse über den fiktionalen Roman mit dem außergewöhnlichen Titel „The Curious Incident of the Dog in the Night-Time“ von Mark Haddon (Quelle siehe unten), dessen Protagonist das Asperger-Syndrom, eine Variante des Autismus, hat. Ich habe gerade nochmal reingelesen und viele Merkmale vom Vortrag im Roman wiedererkannt. Das möchte ich im Folgenden kurz aufzeigen. 

Zum einen hat der Protagonist Christopher, aus deren Sichtweise der Roman verfasst ist, Schwierigkeiten im Bereich sozialer und emotionaler Interaktion und Kommunikation. Idiome wie zB ‚the other Day‘ (69) werden von ihm wortwörtlich verstanden, die eigentlich intendierte Aussage kommt bei ihm nicht an. Auch rhetorische Fragen oder Ironie kommen bei ihm nicht so an. Er selbst spricht und denkt äußerst präzise und logisch, gibt etwa sei Alter in Jahren, Monaten und Tagen an, während er sich an Smalltalk versucht (51). Größere Gruppen Menschen scheinen ihm nicht zu behagen und auch Emotionen sind für ihn nicht einfach zu identifizieren. Seine Überforderung im Umgang mit einigen Situationen scheint sich in Panikattacken (196) oder sozialem Rückzug auszudrücken. Sieht Christopher auf seinem Weg zur Schule beispielsweise vier gelbe Autos hintereinander, so bedeutet das für ihn einen ‚Black Day‘ – er lässt das Mittagessen weg und zieht sich in eine Ecke zurück, um dort in Ruhe sein Mathebuch zu lesen (S. 68). Eine feste Struktur und Tagesroutine ist für ihn sehr wichtig (192), Unvorhergesehenes bedeutet für ihn Stress. Ordnung ist auch in Bezug auf Essen von Bedeutung. So mag er es nicht, wenn einzelne Bestandteile des Essens sich berühren (62). 

Apropos Mathebuch – auch Christopher zeigt, wie viele Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung, sehr spezielle Interessen, denen er sich in einem intensiven Maße widmet. Zur Beruhigung in herausfordernden Situationen löst er im Kopf Aufgaben, die er sich selbst ausdenkt – und damit das Lösen etwas länger dauert, macht er sie sogar mit Absicht schwieriger (201). Ich könnte mir da ja deutlich angenehmere Entspannungswege vorstellen! 🙂

In meinem Blockpraktikum B im Fach GRW sammelte ich eine erste Erfahrung mit einem Schüler mit Autismus. Die Mentorin wies mich erst zu Ende meines Praktikums darauf hin, sodass mir eine vertiefte vorbereitende Auseinandersetzung leider nicht mehr möglich war. Dennoch konnte ich seine großartigen Wortmeldungen mit sehr tiefgründigen Ausführungen nun etwas besser einordnen, und in meiner letzten Stunde mit seiner Klasse bemühte ich mich umso mehr um einen sehr genauen sprachlichen Ausdruck und klare Anweisungen. Zuvor hatte der Schüler mich einmal desorientiert angeschaut, da er nicht verstanden hatte, dass er eine Aufgabe zu lösen hatte, obwohl alle anderen Schüler*innen der Klasse arbeiteten. Diese Erlebnisse konnte ich als wertvolles Feedback für meine eigene Arbeitsweise als Lehrperson reflektieren und für den Rest des Praktikums produktiv nutzen. Und ich schätzte die mündliche Mitarbeit des Schülers umso mehr, als ich hörte, dass er sich normalerweise deutlich zurückhaltender verhält. 

Für die weiteren Hinweise der Referentin, wie Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung der Schulbesuch erleichtert werden kann, war ich sehr dankbar. Der Faktor Individualität ist auch dabei wieder zu betonen, so kann das Maß an erforderlicher Unterstützung sehr variieren. 

Im Vortrag wurde beispielsweise aufgezeigt, dass einige Betroffene eine Schulbegleitung an die Seite gestellt bekommen, die im Unterricht eine besondere Hilfestellung gibt und sogar die Teilnahme an Klassenfahrten ermöglichen kann. Hierbei sollte allerdings auch das Risiko einer sozialen Abgrenzung durch die ‚Sonderbehandlung‘ beachtet werden. Die Erfassung von Leistungen betreffend kann auch bei einer Autismus-Spektrum-Störung ein Nachteilsausgleich beantragt werden. Wie auch oben im Roman mit Christopher angedeutet, ist Beständigkeit von großer Bedeutung. Unerwartete Änderungen zum Beispiel im Stundenplan (auch eigentlich erfreuliche Ereignisse wie Stundenausfall) können Stress auslösen und sollten dem Kind möglichst früh bekannt gegeben werden, damit es sich darauf einstellen kann. Ebenfalls als stressig empfunden werden von vielen Betroffenen die Schulpausen, da es sich dabei um eine stark unstrukturierte Zeit handelt. Eine Rückzugsmöglichkeit wie zum Beispiel ein Pausenraum kann schon viel bewirken. Selbstredend sollten Schüler*innen mit Autismus nicht auf den Hof gezwungen werden, auch wenn ‚frische Luft‘ und Bewegung aus allgemeinpädagogischer Sicht natürlich für den Hof sprechen. Bei der Pausengestaltung sollten aber die besonderen Bedürfnisse des Kindes im Vordergrund stehen. Ein weiterer Punkt zum Thema Struktur und Ordnung ist zudem der Sitzplan; so sollte möglichst ein konstanter Plan für alle Schüler*innen der Klasse entwickelt werden, der auch bei Raumwechseln möglichst wenig variiert. 

Mündliche Mitarbeit kann besonders dann zum Problem für betroffene Kinder und Jugendliche werden, wenn negative Erfahrungen gemacht werden wie beispielsweise Hänseleien durch Mitschüler*innen weil eine Frage anders verstanden wurde. Als Lehrperson sollte man diesen Schüler*innen daher Zeit geben und Verständnis zeigen. Sprachlich sollten Lehrer*innen auf eindeutige Formulieren achten und auf bildliche Ausdrucksweisen lieber verzichten, da diese oft missverstanden werden. Um das Verständnis von Aufgaben und Fragen zu sichern, sollte nachgefragt werden. Diesen Hinweis hatte ich in meinem Praktikum intuitiv von mir aus integriert – im Fremdsprachenunterricht (mein Erstfach ist Englisch) ist dies ohnehin Gang und Gebe. 

Den hier eingebundenen Roman „The Curious Incident of the Dog in the Night-Time“ kann ich sehr empfehlen, wenn man die Welt einmal durch die Augen eines Menschen mit dem Asperger-Syndrom, welches ja auch die Klimaaktivistin Greta Thunberg hat, wahrnehmen möchte. Der Ausspruch „Ich nehme wahr, was du nicht siehst“, mit dem die Referentin ihren Vortrag eröffnete, wird dann umso klarer. Für meine spätere Tätigkeit als Englischlehrerin könnte ich mir gut vorstellen, den Roman dann selbst mit Schüler*innen zu lesen. Wenn wir es schaffen, Kinder und Jugendliche für andere Perspektiven auf die Welt zu sensibilisieren, dann waren die Unterrichtsstunden schon mal auf keinen Fall umsonst. 

Quelle: 

Haddon, Mark. The Curious Incident of the Dog in the Night-Time. 2004. London: Vintage UK Random House.

Bild von Michał Parzuchowski on Unsplash.

Hinterlasse einen Kommentar